Kleiner Führer zur St. Clemens-Kirche in Horrheim

Bild 1: Die Clemenskirche von Süden

Urkundlich wurde der Ort Horrheim erstmals 771 erwähnt.

Vermutlich gab es um diese Zeit im 8. Jahrhundert schon eine einfache Holzkirche an der Stelle des heutigen Gotteshauses. Sie wurde wohl spätestens im 9. Jahrhundert dem heiligen Clemens, einem der ersten Päpste, geweiht.

Später löste ein Steingebäude mit einem kleinen Schiff dieses erste Kirchlein ab. Um 1250 ersetzte man es durch ein erheblich größeres Bauwerk in Form einer Chorturmkirche. Der quadratische Turm, dessen Grundform im unteren Teil heute noch erkennbar ist, stand über dem Chorraum, besaß ein Kreuzgewölbe und die Ausmaße von etwa 6 x 6 m. Daran fügte sich nach Westen ein Kirchenschiff von ca. 12 m Länge an. Die Grundform einer solche Kirche kann man heute nahezu unverändert in Häfnerhaslach sehen. 

Bild 2: Teil des Kreuzrippengewölbes mit Schluss-Stein über dem Chor, entstanden um 1460

Das Schiff dieses Kirchengebäudes wurde um 1420 nach Westen und einseitig nach Süden erweitert. Das gab ihm die heutige asymmetrische Gestaltung. Um 1460 erfolgte die Erweiterung des Chores nach Osten mit dem Einbau von zwei auskragenden Strebepfeilern; auf der Ostseite entstand hierbei eine auffällige Stütze mit einem Spitzbogen, die damals mit einem Nachbargebäude, heute mit dem Gemeindehaus, verbindet. 

Bei dieser Erweiterung wurde das alte Kreuzgewölbe umgebaut in ein Kreuzrippengewölbe. Auf ihm sind verschiedenste Blumenmuster zu sehen, die ebenso wie der Schlussstein hinweisen auf Maria. 

Um 1625 erhielt der Turm sein heutiges Aussehen, indem auf den quadratischen Stumpf mit einem Übergang durch Eckschrägen ein achteckiger Aufbau gesetzt wurde. Die betreffende Jahreszahl ist am obersten nordwestlichen Eckquader des Turms erkennbar.

Bild 3: Der um 1460 erweiterte Chor; auf dem ursprünglichen, quadratischen Turm sitzt der 1625 entstandene achteckige Aufbau mit einer Überleitung durch Eckschrägen

Bild 4: Inschrift am obersten, nordwestlichen Eckquader des Turms, die Jahreszahl erinnert an dessen Ausbau im Jahr 1625

Einige Besonderheiten der Clemenskirche

Foto 5: An der Nordaußenwand der Orgelempore die Darstellung der Krönung Marias durch Christus, entstanden um 1325, wieder entdeckt und restauriert 1972. Darunter Teile der Bemalung der Brüstung der Orgelempore mit Apostelbildern

Das bedeutendste Kunstwerk der Kirche ist eine halbkreisförmige Darstellung der Krönung Marias durch Christus aus der Zeit um 1325 an der Nordinnenseite des Chores auf Höhe der heutigen Orgelempore. Es wurde gespendet von Graf Konrad IV. von Vaihingen als Zeichen seiner Sühne für einen Totschlag. Er ist auf der rechten Seite im braunen Büßergewand zu sehen. Damals wurden auch die Ost- und Südinnenseite des Schiffs bemalt. Sie konnten aber beim Einbau der Chorfenster im 15. Jahrhundert nicht erhalten werden. Das Bild mit der Marienkrönung war lange Zeit durch weitere Malschichten verdeckt und wurde1972 bei Sanierungsarbeiten nach dem Einbau der neuen Orgel zufällig entdeckt. Links und rechts von ihm sind mit einem Weihnachtsmotiv und einer Prophetengestalt Details einer späteren Malschicht erkennbar, deren weitere Reste man zugunsten der Restaurierung der Marienkrönung „opferte“.

Zwei Grabsteine aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts in der Wand neben der Kanzel für Sophie von Essendorf und für Georg von Wihingen an der südlichen Innenwand des Kirchenschiffs gehen zurück auf die Herren von W(e)ihingen. Sie lebten ab dem 12. Jahrhundert in der Nähe von Enzweihingen und nach der Mitte des 14. Jahrhunderts auf der Burg Eselsberg im Stromberg unweit von Horrheim.

Eine weitere Grabplatte liegt auf dem Boden des Chores unweit vom Altar. Sie könnte vom Ende des 15. Jahrhunderts stammen und zeigt Kelch und Kreuz, die Zeichen eines uns unbekannten Geistlichen. 

 

Bild 6: Grabplatte für Sophie von Essendorf, Gattin des Georg von Wyhingen aus der 1. Hälfte des 15. Jahrhunderts, das älteste Baudenkmal im Bereich von Vaihingen an der Enz.

 

Bild 7: Grabmal des Georg von Wyhingen von 1437 (siehe auch Bild 20)

 

Bild 8 Tür vom Chor zur Sakristei mit eindrucksvollem Metallbeschlag, vermutlich aus dem 15. Jahrhundert, und kunstvollem spätgotischem Sturz und Gewände

 

Rechts, Bild 9 Schnappschloss dieser Tür auf der Seite der Sakristei, vermutlich aus dem 18. Jahrhundert

 

Die Sakristei an der nordwestlichen Ecke des Turms entstand vermutlich anfangs des 15. Jahrhunderts durch die Umnutzung einer älteren, auf einem früheren Beinhaus errichteten Johanneskapelle. Erreicht werden kann sie nur vom Chorraum aus. Auffallend sind das bemalte Kreuzrippengewölbe und eine eichene Tür mit einem aufwendigen schmiedeeisernem Beschlag und kunstvoll gestaltetem Gewände und Sturz. Seltenheitswert hat eine Piscina, eine Nische in der Nordwand, mit einer Ableitung ins Freie. Durch diese Piscina wurde das Wasser, mit dem der Abendmahlskelch gereinigt worden war und das noch Partikel des Blutes Christi enthalten konnte, nach draußen auf den geweihten Boden des Friedhofs entsorgt. In der Sakristei sind zwei große Holztafeln zu sehen, auf denen alle Horrheimer Pfarrer seit dem Jahr 1588 verzeichnet sind. 

 

Der Taufstein und der Altar in farbenfrohem Renaissancestil stammen aus dem Jahr 1599. 

 

Bild 10, Altar; 1599

 

Bild 11, Taufstein, 1599

 

Das große Kruzifix (siehe Bild 20) stand ursprünglich hinter dem Altar, später an der südlichen Frontseite des Kirchenschiffs, seit 2020 an der nördlichen Innenwand. Es stammt aus dem Jahr 1600. Das aus Lindenholz geschnitzte Kruzifix auf dem Altar entstand 1884 in Oberammergau. Die Kanzel war ursprünglich am südlichen Chorbogenpfeiler platziert und wurde 1962 an den nördlichen versetzt (zu Altar, Taufstein und Kanzel siehe Bild 20).

Bild 12: Hostiendose von 1690 vom Augsburger Künstler Hans Jakob III Baur

 

Bild 13: Abendmahlskelch von 1740 von einem Stuttgarter Künstler

 

Unter den Tauf- und Abendmahlsgeräten befinden sich sehr schöne alte Stücke, unter anderem eine Hostiendose von 1690 und ein Abendmahlskelch von 1740.

 

Die Kirchenbücher beginnen im Jahre 1558. Sie befinden sich inzwischen weitgehend im Landeskirchlichen Archiv in Stuttgart.

Bild 14: An der Spitze des vergoldeten Orgelprospekts von 1768 das Horrheimer Wappen

Die Orgel mit einem vergoldeten Barockprospekt stammt aus dem Jahre 1768. Die Brüstung der damals errichteten Orgelempore, die auf mächtigen Eichensäulen steht, wurde von einem uns unbekannten regionalen Künstler bemalt mit Halbfigurenbildern von Christus und den 12 Aposteln. (siehe Bilder 5 und 20). 

Die Orgel wurde Im Jahr 1971 erneuert und erweitert (19 Register; Firma Rensch); der vergoldete Prospekt wurde in seiner originalen Form erhalten und restauriert. 

Bild 19: Blick von Norden auf den schiefen Kirchturm

Besonders hingewiesen sei auf den Turm der Clemenskirche. 

Von Norden betrachtet sieht man es deutlich: 

Er ist schief, seine Spitze neigt sich nach Westen. Die schon im 18. Jahrhundert durch Schäden am Gebälk verursachte Neigung nach Westen konnte trotz intensiver Bemühungen nicht korrigiert werden. 

Das Horrheimer Geläuten

Die Geschichte der Glocken reicht zurück ins 16. Jahrhundert. Die älteste Glocke, die heutige Betglocke, wurde 1513 gegossen. Im 20. Jahrhundert verbanden sich mit den Glocken leidvolle Erfahrungen. Innerhalb von 30 Jahren musste die Kirchengemeinde im 1. und 2. Weltkrieg zweimal einen Teil ihrer Glocken zum Guss von Kanonen und Kriegsmaterial hergeben. 1954 konnte das frühere Geläut wieder vervollständigt werden. Die Dankglocke ergänzte 1979 das nun vierstimmige Geläut.

Bild 15 : Betglocke

 

Bild 16: Gesamtgeläut, von rechts: Dankglocke, Betglocke, Herrenglocke, Taufglocke

 

Glocke

Gussjahr

Ton

Gewicht

Inschrift

Bet-Glocke

1513

g'

573 kg

S. Marcus + S. Matheus + S. Johannes + Bernhard Lachaman gos mich

Herren-Glocke

1954

d'

1569 kg

O Land, Land, Land höre des Herrn Wort

Tauf-Glocke

1954

h'

288 kg

Lasset die Kindlein zu mir kommen

Dank-Glocke

1979

a'

486 kg

Wir danken dem Herrn von ganzem Herzen

Die Geschichte der Clemenskirche ist geprägt von zahllosen Umbauten und Renovierungen. Die letzten Maßnahmen waren:


Jahr

Renovierung

1960-1962

Sakristei und Kirchenschiff

1964

Turm

1971

Kirchplatz

1980

Außenwand der Kirche und Zifferblätter

1983

Kirchendach

2018

Innenrenovierung

Bild 20: Blick in den 1962 umgebauten und 2018 renovierten Innenraum der Clemenskirche. Rechts das Grabmal für Georg von Wyhingen von 1437, links von der Kanzel die Grabplatte für seine Ehefrau Sophie von Essendorf, links an der Wand das große Kruzifix von 1599, in der Mitte Kanzel, Taufstein und Altar von 1599, dahinter der vergoldete Orgelprospekt von 1768, an der Brüstung der Orgelempore Darstellungen von Christus und den Aposteln.

(Text: Hartmut Leins. Fotos Jochen Scharpf (Bild 1, 4, 15, 17, 18, 20) und H. Leins (Bild 2, 3, 5-14, 16, 19).

Weitere Details zur Geschichte der Clemenskirche und alle Belegstellen sind zu finden in der Veröffentlichung von Hartmut Leins „Die Clemenskirche in Horrheim – 1250 Jahre Baugeschichte“. In: Beiträge zur Horrheimer Geschichte, Vaihingen an der Enz 2021.)